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Fehlt den Löwen der Kettenbrücke wirklich die Zunge?

03. Juli 2026

Eine der bekanntesten Stadtlegenden Budapests besagt, dass der Bildhauer János Marschalkó bei der Einweihung der Kettenbrücke so verzweifelt gewesen sei, nachdem ein Schusterlehrling ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass den Löwen die Zunge fehle, dass er sich aus Scham in die Donau stürzte.

Wie entstand der Mythos?

Interessanterweise entstand diese Geschichte nicht unmittelbar nach der Enthüllung der Skulpturen im Jahr 1852, sondern verbreitete sich erst deutlich später – gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Drei Faktoren spielten dabei eine entscheidende Rolle. Zum einen kritisierten die Bürger von Pest in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – ganz wie die heutigen Kommentatoren im Internet – mit Vorliebe öffentliche Kunstwerke.

Zum anderen greift die Erzählung ein klassisches Volksmotiv auf: Der Schusterlehrling verkörpert den naiven, aber „gerechten“ Außenseiter, der den Fehler des berühmten Meisters aufdeckt. Schließlich trug auch die zunehmend sensationsorientierte Presse jener Zeit zur Verbreitung der Geschichte bei, denn der tragische Selbstmord eines engagierten Künstlers verkaufte sich weit besser als die nüchterne Realität der Anatomie eines Löwen.

Die Fakten und die Anatomie

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Die Löwen besitzen tatsächlich Zungen. János Marschalkó gestaltete die Steinlöwen anatomisch korrekt. Großkatzen hecheln nicht mit heraushängender Zunge wie Hunde, sondern ihre Zunge liegt hinter den Zähnen tief in der Mundhöhle. Würde man auf den Sockel steigen und von oben in die geöffneten Mäuler der Steinlöwen blicken, wäre die sorgfältig ausgearbeitete Zunge deutlich zu erkennen. Vom Gehweg aus wird sie jedoch vom Unterkiefer vollständig verdeckt.

Das wahre Schicksal des Bildhauers

Das tragische Ende gehört also ausschließlich zur Budapester Folklore. János Marschalkó beging keinen Selbstmord. Er führte ein langes und erfolgreiches Leben und starb 1877 im Alter von 59 Jahren eines natürlichen Todes. Der Vorwurf der „zungenlosen“ Löwen begann als ironischer Budapester Scherz, dessen sich der Bildhauer durchaus bewusst war, da das Detail vom Boden aus tatsächlich nicht sichtbar ist. Auf die Legende und ihre Kritiker antwortete er mit einem schlagfertigen Ausspruch:

„Gott gebe, dass deine Frau eine Zunge hat wie meine Löwen!“

Die Kraft und Würde der legendären Wächter der Kettenbrücke inspirierten auch eine besondere Budapest-Kollektion mit Löwenmotiven, die Besucher in den Souvenirshops der Citadella und von Szabadság entdecken können.


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