Steindls steinerne Spitzen an der Donau: die Entstehung des ungarischen Parlamentsgebäudes

Wer zwischen den südlichen und nördlichen Aussichtspunkten der Zitadelle spaziert, lässt den Blick unweigerlich auf dem neugotischen Wunderwerk am Pester Donauufer ruhen: dem ungarischen Parlamentsgebäude. Sein Anblick ist so eng mit dem Bild der Hauptstadt verbunden, als hätte es schon immer dort gestanden. Dabei war der Tömő tér — der heutige Kossuth Lajos tér — Ende des 19. Jahrhunderts ein ungeordneter, sumpfiger Uferstreifen, der als Müllabladeplatz diente. Es bedurfte der Vision des Architekten Imre Steindl und ungarischer Ingenieurskunst, um auf diesem nachgiebigen Boden eines der schönsten Parlamentsgebäude der Welt zu errichten.

Die Bauarbeiten begannen 1885 und dauerten fast zwei Jahrzehnte. Sie galten als echtes nationales Anliegen. Die damaligen Entscheidungsträger stellten eine strenge Bedingung: Für das Parlament durften ausschließlich einheimische Baustoffe, einheimische Handwerker und ungarische Industrieerzeugnisse zum Einsatz kommen — vom Kalkstein aus den Steinbrüchen über die kunstvollen Glasfenster von Miksa Róth bis hin zu den Zsolnay-Keramiken. Das gewaltige Gebäude wurde auf einer tief eingelassenen, massiven Betonwanne gegründet, um den Hochwassern der Donau und dem Druck des Grundwassers standzuhalten. Im Inneren erhielt es die damals modernste Technik für Dampfheizung und Kühlung mit Eisblöcken.
Dem Großvorhaben ging ein 1882 ausgeschriebener internationaler Architekturwettbewerb voraus, bei dem Imre Steindls neugotische Vision den Sieg davontrug. Die Wahl war kein Zufall: Die filigranen Türme, schlanken Pfeiler und himmelwärts strebenden Bögen symbolisierten nach dem Vorbild des Londoner Palace of Westminster Parlamentarismus, bürgerliche Freiheitsrechte und nationale Unabhängigkeit. Eine Ironie des Schicksals und zugleich ein Beleg für den Reichtum der ungarischen Architektur ist, dass auch die Entwürfe der unterlegenen Teilnehmer Alajos Hauszmann und Gyula Bukovics verwirklicht wurden, unmittelbar auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. So entstand das eindrucksvolle Ensemble aus dem heutigen Justizpalast, dem früheren Sitz des Ethnografischen Museums, und dem Landwirtschaftsministerium.
Die Zahlen und Ausmaße sind bis heute beeindruckend. Das Gebäude ist 268 Meter lang, 118 Meter breit und umfasst insgesamt 691 Räume. Für seine Mauern wurden vierzig Millionen Ziegel verwendet. Zur prachtvollen, beinahe verschwenderischen Ausstattung der Innenräume trugen eine halbe Million Ziersteine sowie vierzig Kilogramm 22- bis 23-karätiges Gold bei, das von Vergoldern verarbeitet wurde. Der vollkommen symmetrische Grundriss diente nicht allein ästhetischen Zwecken: Die beiden identischen Sitzungssäle zu beiden Seiten der zentralen Kuppelhalle spiegelten die Gleichrangigkeit des Abgeordnetenhauses und des Magnatenhauses im damaligen Zweikammerparlament wider.
Die gewaltige, über Jahrzehnte andauernde Arbeit verlangte ihrem Schöpfer jedoch ein schweres persönliches Opfer ab. Imre Steindl leitete den Bau unermüdlich und mit Aufmerksamkeit für jedes noch so kleine Detail; er zeichnete die Vorlagen für Steinmetz- und Tischlerarbeiten selbst. Mit der Zeit verschlechterte sich sein Sehvermögen jedoch rapide. Tragischerweise erblindete der geniale Architekt gegen Ende der Bauarbeiten vollständig und starb 1902. Sein Lebenswerk, das erst 1904 endgültig fertiggestellt wurde, konnte er daher nie in seiner vollendeten Pracht im Donaupanorama sehen.
Wenn wir von den Mauern der Zitadelle aus die Proportionen der 96 Meter hohen Kuppel und die Reihen kleiner Türme betrachten, die sich im Wasser spiegeln, sehen wir nicht nur das Haus der Gesetzgebung. Vor uns steht das ehrgeizigste und monumentalste steinerne Bekenntnis der Epoche der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie.














